Lindners Wutrede - Für eine neue Fehlerkultur

Ich war ganz erstaunt, als ich am Sonntag auf Facebook permanent das Gesicht von Christian Lindner sah. Ich klickte auf das Video und war mehr als begeistert. Unabhängig von seinem politischen Statement und seiner Wut auf die SPD möchte ich hier kurz Stellung nehmen.

Scheiternde Pioniere werden ein Leben lang mit Spott und Häme umgehen müssen. Wenn man als Unternehmensgründer scheitert, dann ist man in der Gesellschaft nichts mehr wert. So oder so ähnlich ist das Statement von Lindner zu werten.

In der Tat ist es so, dass man als Gründer und Gescheiterter in der Gesellschaft erst mal außen vor steht. Ich selbst habe im Freundeskreis und innerhalb der Familie solche Geschichten zuhauf miterlebt. Permanenter Spott und eine Häme, die einen langfristig zerfrisst. Einige Gründer gehen nach einem gescheiterten Gründungsversuch sogar mit der Privatinsolvenz in das nächste Jahrzehnt.

Man selbst ist dann Jahre lang knapp über dem Hartz4-Niveau und wird dann noch von der Gesellschaft verspottet und sogar ausgegrenzt. Wer mit 30 in die Privatinsolvenz geht, wird es sicherlich nicht einfacher haben, um eine Familie zu gründen. Er wird auch einen ganz anderen Freundeskreis um sich haben, als noch zuvor. Das sind wohl die normalsten Verläufe des Scheiterns.

Wieso ist das so? Die Deutschen sind wahrlich nicht das risikofreudigste Volk der Welt. Hier zählen viele Tugenden, die eventuell gegen eine unternehmerische Tätigkeit sprechen. Beständigkeit und Sicherheit sind nur zwei Eigenschaften, die für einen Pionier eher hinderlich sind. Das ist ja auch vollkommen okay. Zumal die Gesellschaft es mit den vorhandenen Tugenden sehr weit geschafft hat.

Weshalb haben aber Gründer so einen schweren Stand?

Ich selbst kann davon berichten, wie ein Großteil der Menschen um mich herum nervös wurde, als ich sagte, dass ich neue Wege gehen werde. Ich wurde teilweise beschimpft und beleidigt.

Du bist erst 26. Du kannst dich doch nicht selbstständig machen
Du solltest einen sicheren Job annehmen

 

Wenn dieser Lebensentwurf funktioniert, dann sind alle ganz schnell still. Sobald man aber scheitert, wird der Schwarm über einen herfallen. Alle hätten es mir doch alle vorher gesagt und man hätte darauf hören sollen. Ja! Der Schwarm hat auch auf das Scheitern gesetzt. Vielleicht sogar mit dieser negativen Stimmung das Scheitern befeuert. 

Wir brauchen wohl oder übel eine neue Fehlerkultur. Jeder Mensch sollte sich ausprobieren dürfen und so oft scheitern, wie er mag, ohne von der Gesellschaft geächtet zu werden. Rückhalt ist eine absolute Notwendigkeit für einen jeden jungen Menschen, der ins Risiko geht. Wenn der Rückhalt weg bricht, dann hat er es doppelt so schwer. Die Wahrscheinlichkeit des Scheiterns steigt. Selbsterfüllende Prophezeiung sozusagen.

Lindner spricht genau dies an. Man sollte jungen Menschen weder den Rücken zudrehen, noch durch ein Vorleben negativer Reaktionen verunsichern. Die von ihm gewünschte Weitsicht, um eine neue Gründungskultur voranzutreiben, ist absolut notwendig. Eine neue Fehlerkultur und ein besser Umgang mit dem Scheitern ist ein Wettbewerbsvorteil, der global gesehen nur Vorteile mit sich bringen kann. Amerika ist mit seinen Pionieren um Elon Musk uns um Längen voraus. Vielleicht ein Grund, warum dort die bahnbrechenden Innovationen entstehen und zum Teil mehrfach gescheiterte Pioniere irgendwann den großen Durchbruch haben.