Innovativ, flexibel, international - Einleitungstexte in Stellenanzeigen (Gastbeitrag)

Ein Gastbeitrag von Timm Kuhlmann. 

Achja, da geht man am Wochenende mal in aller Ruhe auf Xing und will schauen, was es so Neues gibt. Das allererste was einem dann ins Gesicht springt, sind die Eventempfehlungen. In meinem Fall sind es außerdem die Stellenanzeigen, für die ich vor Ewigkeiten mal einen Suchauftrag angelegt habe.

Als ich aber am letzten Sonntag wieder mal eine Stelle eines Personalberaters angeschaut habe, ist in mir eine innerliche Wut aufgekommen, die ich vorher nie so bewusst wahrgenommen hatte. Nachdem ich die ersten drei Zeilen der Anzeige gelesen hatte, habe ich mir innerlich und (zum Amüsement meiner Frau) auch äußerlich, unvermittelt an den Kopf gefasst.

(Ich muss vorher vielleicht noch meine generelle Skepsis gegenüber Personalberatern erwähnen, die ich aufgrund von persönlichen und auch beruflichen Erfahrungen gesammelt habe. Sagen wir es mal so, ich bin der Überzeugung, dass es mit Sicherheit einige sehr gute und absolut professionelle Berater gibt, der große Teil ist allerdings für die Tonne.)

Aber weiter im Kontext…..

Wenn es nach den Einleitungstexten von Stellenanzeigen der meisten Personalberater /-dienstleister geht, besteht Deutschland fast ausschließlich aus innovativen, führenden und international agierenden Unternehmen.

Angespornt durch den Adrenalinschub der aufgekommenden Wut, habe ich mir dann einach mal die Mühe gemacht, 5 Minuten nach aktuellen Stellenanzeigen von Beratern zu googlen. Nach drei Minuten hatte ich genug. Und mit genug meine ich 10 Stellenanzeigen die diese typischen Einheits-“blabla”-einleitungen aller innovativ, führend etc. bis zur Schmerzgrenze ausreizen.

Woran liegt diese hohe Zahl an gleichen Textbausteinen?

Wenn ich blauäugig wäre, würde ich sagen, die meisten Personalberater sind halt Top-Consultants in ihrem Aufgabengebiet und haben wirklich nur 1A-Mandanten, die Marktführer und Innovationsführer in DE sind. Aus meiner eigenen beruflichen Personalberater-Vergangenheit, weiß ich aber, das wir es bei vielen Personalberatern mit altgedienten Managern bzw. Geschäftsführern zu tun haben, die aus rein monetärer Sicht, nicht mehr arbeiten müssten. Da sie das häusliche rumsitzen aber nicht lange aushalten, wird dann einfach ein Beratungsunternehmen gegründet.

Das Ergebnis solcher Gründungen, sehen wir öffentlich das erste mal, wenn wir diese Einheits-“blabla”-einleitungen in den Online-Jobbörsen lesen. Das erste mal, wo Sie aber als Unternehmer skeptisch werden dürfen, wenn Sie es mit einem Berater zu tun haben ist, wenn Sie bei der Besprechung des Anforderungsprofils (die Grundlage jeder MA-Suche) sind.

Absolut dreisten Beratern wird es genügen, aufgrund von fertigen Stellenanzeigen auf die Suche nach dem “richtigen” und “passenden” Kandidaten für Sie zu gehen (Wir alle wissen aber, das in 80% aller Anzeigen, die wahren Anforderungen und Entscheidungskriterien gar nicht erwähnt sind). Etwas geschickter agierende Berater, geben sogar vor mit Ihnen ein individuelles Anforderungsprofil zu erarbeiten und spielen dabei sogar eine gewisse Fach- und Methodenkompetenz vor. Sie haben aber im Vorfeld einfach nur ähnliche Stellenanzeigen gegoogelt und auswendig gelernt. (Alles schon erlebt! Kein Witz!).

Sollen wir uns jetzt noch wundern, warum sich viele Stellenanzeigen von Personalberatern immer sehr ähneln?

Aus unserer eigenen Arbeit als Talent-Werker (wir sagen bewusst, dass wir keine Personalberater sind) wissen wir, wie viel Energie und Arbeit man in die Erstellung eines wirklich authentischen und passenden Anforderungsprofil stecken muss. Wir trennen unsere Anforderungsprofile dabei in einen “fachlichen” und “menschlichen” Teil. Allein die Analyse und Aufbereitung des “fachlichen” Teils dauert bei uns im Schnitt 1 1/2 bis 2 Stunden. Der “menschliche” Teil nimmt nochmals ca. 1 Stunde in Anspruch. (Aber genug über uns)

Welche Ergebnisse liefert eine solche Stellenanzeige?

Abgesehen von der sowieso sinkenden Relevanz von Standard-Stellenanzeigen, werden in vielen Fällen auch nur eine bestimmte Art von Kandidaten mit den Lockworten “innovativ, führend und international…” angesprochen. Gut für die Unternehmen, die wirklich innovativ etc… sind und auch wirklich solche Kandidaten suchen. Schlecht für solche Unternhemen, die eben nicht Marktführer oder Hidden Champion sind, sondern eben nur Durchschnitts-Unternehmen, die aber viel Wert auf Qualität und einen einheimischen Markt mit organischen Wachstum legen. Denn diese bekommen genau die selben Kandidaten präsentiert, wie die wirklich marktführenden und international agierenden Unternehmen. Hier bewegen wir uns dann u.a. beim Thema Cultural Fit, was ein Thema für sich ist…..

Das musste einfach mal von der Seele geschrieben werden……

Hier findest du den Podcast mit Timm. Wir reden dabei über den schlechten Ruf der Branche und wie man eigentlich agieren müsste.